Presseberichte

Tiroler Tageszeitung vom 04.01.2019

Neujahrskonzert in Innsbruck: Walzerselig, kaiserlich, hingebungsvoll

Das Neujahrskonzert des „Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck“ als Reise durch die Habsburger-Ära.

 

Kerem Hasan, Jahrgang 1992, dirigierte das Neujahrskonzert 2019 des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck. Mit kommendem Herbst wird Hasan neuer Chefdirigent dieses Orchesters.© Rudy De Moor

 

Von Markus Schramek

 

Innsbruck –Walzerseligkeit liegt in der Luft. Kein konzertantes Ereignis zur Jahreswende kommt an der Strauß-Dynastie vorbei. Auch das Neujahrskonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck – liebevoll TSOI abgekürzt – im Congress ist bestückt mit Musik im Dreivierteltakt aus Wiener Provenienz.

Doch große Musik gedeiht überall. Sie ist ein weltumspannendes Labsal für die Seele, ein Erwecker von Emotionen und Glücksgefühlen.

Derart schwärmerischen Zeilen kann nur eine tiefe Verbeugung folgen. Sie gebührt Annedore Oberborbeck, der Konzertmeisterin und Sologeigerin des TSOI. Die „Carmen-Fantasie“ des Spaniers Pablo de Sarasate, eine Variation berühmter Melodien aus Georges Bizets Oper für Violine und Orchester, ist das Konzerthighlight. Solistin Oberborbeck schafft mit fantastischer Technik den Wechsel zwischen Feingefühl und Hingabe, zwischen Zurückhaltung und Leidenschaft. Das TSOI und dessen künftiger Chefdirigent Kerem Hasan geleiten ihre Konzertmeisterin behutsam – fast möchte man sagen: bewundernd – durch das Stück. Begeisterter Applaus ist der verdiente Lohn.

Kein Jahresbeginn ohne Walzer – und kein 2019 ohne Kaiser Maximilian I. Vor dem Habsburgermonarchen, dessen Todestag sich am 12. Jänner zum 500. Mal jährt, gibt es heuer kein Entrinnen. „Kaiserwalzer“ lautet folglich auch der programmatische Titel des Neujahrskonzerts.

 

Landestheaterintendant Johannes Reitmeier, ein gebürtiger Bayer, unterhält als Moderator launig und humorvoll mit manchem Histörchen aus der Habsburger-Zeit. Das TSOI spielt sich dazu passend durch die Jahrhunderte.

Von Heinrich Isaac, dem Innsbrucker Hofkomponisten Maximilians I., stammt das militärisch-trutzige „A la battaglia“. Der Tiroler Komponist Michael F.P. Huber hat es in eine moderne Orchesterfassung umgewandelt.

Vier Jahrhunderte nach Isaac huldigt der Strauß-Clan den Habsburgern nicht zu knapp. Johann Strauß (Sohn) ist mit zwei kaiserlichen Stücken im Konzert vertreten: dem „Rettungs-Jubel-Marsch“, der ausgelassen ein missglücktes Attentat auf Franz Joseph I. aufgreift, und dem erhabenen, allseits beliebten „Kaiserwalzer“.

Dirigent Hasan, erst 26 Jahre alt, agiert locker und dennoch präzise. Mit ihm hat sich Innsbruck eine Zukunftshoffnung gefischt. Das TSOI, besetzt mit Könnern aus 20 Nationen, zeigt sich in bester Spiellaune. Bei den Zugaben – bei der Generalprobe, von der hier berichtet wird, sind es drei – gehen einigen Musikern freilich die Pferde durch. Der „Radetzkymarsch“ gerät phasenweise schrill und überdreht. Dafür erklingt der Gassenhauer „Donauwalzer“ mit schöner individueller Note.

Die „Champagner-Polka“, erneut von Johann Strauß (Sohn), stilecht mit knallenden Korken, beschließt ein Konzert, das gute Laune verbreitet. Das Kopfweh des Alltags kommt früh genug.

Tiroler Tageszeitung vom 18.03.2019

Annedore Oberborbeck: Rassig, klug und seelenvoll

 

 

Geigerin Annedore Oberborbeck im „russischen“ Symphoniekonzert 

 

des TSOI unter Dmitri Jurowski heftig umjubelt.

 

 

Von Ursula Strohal

 

Innsbruck –Annedore Oberborbeck, erste Konzertmeisterin des Tiroler Symphonie­orchesters Innsbruck, wünschte sich für ihren solistischen Einsatz im Jubiläumsjahr des Orchesters das eminent schwierige Violinkonzert von Peter Iljitsch Tschaikowski und bekam den einer russischen Musiker­familie entstammenden Dirigenten Dmitri Jurowski ans Pult. Und das ursprünglich als „Carte blanche“-Programm angesetzte Konzert mündete in einen reinen Tschaikowski-Abend.

Während die Elegie aus der dritten Orchestersuite, nicht eben der wirkungsvollste Satz Tschaikowskis, al fresco vorüberzog, um die Bühne dem Violinkonzert zu bereiten, nahm das Orchester danach in der Zweiten Symphonie den virtuosen Gestus zur Gänze für sich in Anspruch. Temperamentvoll geleitet von Jurowski, der großräumig das selten zu hörende, im letzten Abschnitt seiner Zeit vorauseilende Werk in Szene setzte und den Soli, beginnend mit dem prachtvollen Horn, die volle Wirkungsmöglichkeit verschaffte.

Tschaikowskis Violinkonzert machte Annedore Oberborbecks zupackendes, sinnerfülltes, fesselndes Musizieren evident. Sie verfügt über die nötige fabelhafte Technik, die ihr dieses Werk zunächst rein manuell erschließt, macht ihm die Zumutungen an die Fingerfertigkeit und die Ansprüche an die Bogenführung aber dienstbar und lehrt damit, dass Virtuosität nicht nur artistisch Glänzendes, sondern auch musikalische Haltung bedeutet. Die extremen Stimmungswechsel erfüllt sie von einer rhythmischen und aggressiven Bestimmtheit bis zur kitschfreien seelenvollen Melancholie. Vom zarten Beginn bis zum rasenden tänzerischen Finalsatz schlägt Oberborbeck einen großen Bogen. Mit den Kollegen, ob im Kollektiv oder qualitätvoll heraustretend, bleibt sie in kommunikativer Verbindung. Jurowski hält zusammen, lässt aber ausmusizieren und der Solistin ihren ausdrücklich individuellen Zugriff. Stürmisches Echo der Zuhörerschaft.

Das Orchester  06.2019

Tiroler Tageszeitung vom 23.02.2016

Mit lyrischem und sinnlichem Klang verführt

Innsbruck – Wenn man als Konzertmeisterin zur Abwechslung einmal vor das eigenen Orchester tritt, um als Solistin zu agieren, dann ist das w...

 

Innsbruck – Wenn man als Konzertmeisterin zur Abwechslung einmal vor das eigenen Orchester tritt, um als Solistin zu agieren, dann ist das wohl ein Musizieren mit dem Wissen, eine Menge guter Freunde hinter sich zu haben. Über jegliche technische Defizite scheint Annedore Oberborbeck definitiv erhaben und ihr Orchester, das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Francesco Angelico, fungierte im Rahmen des 4. Symphoniekonzertes als intimer musikalischer Partner. Gemeinsam zu bewältigen galt es Sergei Prokofjews Violinkonzert Nr. 1 op. 19 D-Dur, eines aus der Kategorie „Lyrisch“. Doch was heißt lyrisch, was kann es: In zartesten wie schillerndsten Farben leuchten, mit sinnlichen Klängen verführen, angenehmste Erinnerungen wachrufen. Oberborbeck hat die Gabe, dies alles aus ihrem Instrument herauszuholen. Jedes Motiv, jede Phrase war geprägt von großem Entscheidungswillen, einmal leidenschaftlich forciert, dann wieder abrupt gezügelt, um die folgenden Takte umso majestätischer strahlen zu lassen. Lyrische Seelenschmeichelei hörte man zum Konzertauftakt mit Alexander Skrjabins „Träumerei“.

 

Im Zweiten Teil: Anton Bruckners Symphonie Nr. 7 E-Dur. Francesco Angelico sah das Werk nicht sinnbildlich als ein Betreten einer Kathedrale, um darin mit offenem Mund ob der Wunder zu staunen. Er disponiert die Klangblöcke mit sicherem Gespür für die große Form und wusste die Musik sehr expressiv aufzuladen. Frische, Jugendlichkeit und Modernität, an Begriffen wie diesen ließe sich Angelicos Sichtweise festmachen. Sprühende Lebensfreude hörte man aus den Tanzweisen des Scherzos, freudige Ungeduld im Finale. Im subtil ausmusizierten Adagio, einer tiefempfundenen wie schmerzerfüllten Trauermusik, war die menschliche Dimension stets präsent. Die Klangkultur des Orchesters: vorbildlich, einnehmend in jeder Beziehung. (hau)